Leseprobe aus dem Buch: Heckershausen in seiner Geschichte

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Anneliese Deuker

Aus der Erinnerung einer Dorfschullehrerin

I. Wie noch in den zwanziger und dreißiger Jahren Silvester begangen wurde

Mädchen und Jungen erwarteten ungeduldig den Silvesterabend und scharten sich dann gegen halb 9 Uhr abends an der Schule um den Nachtwächter, um mit ihm durch das Dorf zu ziehen und zu singen.
An diesem Abend dürften auch die ganz Kleine aufbleiben und dem Gesang zuhören. Schon von weitem hörte man die Schar lachend und schwatzend herankommen. An jeder Straßenecke hielt man an, der Nachtwächter gebot Ruhe und wehe, wenn einer noch gelacht hätte!
Wenn alles ganz still war, blies er in sein Horn- um 9 Uhr einmal, um 10 Uhr zweimal und so weiter. Dann setzte der Chor der jugendlichen Stimmen frisch ein: (1. Strophe)

"Ihr Nachbarn, Herrn und lasst euch sagen,
der Hammer, der hat neun geschlagen,
die Zeit der Ruhe tritt nun heran,
wohl dem, der seine Pflicht getan.
Wer wahret das Feuer, das Licht,
dass niemand ein Schaden geschicht?"

Alle Fenster taten sich auf, jeder wollte die vertrauten Weisen wahrnehmen und lauschte andächtig. Dann zog der Haufen weiter zur nächsten Straßenecke. Hin und wieder knallte ein Knallfrosch, oder Buntfeuer flog durch die Luft. So ging es durch das ganze Dorf. Genau eine Stunde später war die Dorfjugend am Ausgangspunkt , an der alten Schule (Bürgermeisteramt) , wieder angekommen. Nun begann der zweite Gang durchs Dorf.
Die zweite Strophe des Liedes lautete:

"Ihr Nachbarn, Herrn und lasst euch sagen,
der Hammer, der hat zehn geschlagen.
Es ruhet sanft in Dorf und Stadt,
wer nur ein ruhig´Gewissen hat.
Ein bös Gewissen ruhet nicht,
es brennt, es quält, es sticht!"

War das schön, wenn der helle Gesang durch die stille Nacht hallte! Die Familien saßen gemütlich zusammen zu Hause oder bei Verwandten. Man unterhielt sich, es wurde gelacht und gescherz, man kochte Kaffee und aß dazu frisch gebackene Kreppeln. So erwartete man den stündlichen Gesang und das zu Ende gehende alte Jahr. Die Liedstrophe, die zur elften Stunde gesungen wurde, lautete:

"Hört ihr Herrn, und lasst euch sagen,
der Hammer, der hat elf geschlagen,
die Geisterstunde rückt heran,
wohl dem, der seine Pflicht getan,
die Hoffnung stärkt das Herz
sie bindet Kummer und Schmerz!"

Kurz vor zwölf Uhr begaben sich die Läutejungen auf den Kirchturm und ließen ihre Stimmen von oben erschallen- und dann war es soweit. Die Glocke schlug zwölfmal, das Geläut hub an- die Zeit schien einige Minuten stille zu stehen. Der Klang des Hornes, der Gesang der Kinder mischte sich mit dem Klang der Glocken:

"Ihr Nachbarn, Herrn und lasst euch sagen,
der Hammer, der hat zwölf geschlagen.
Die Geisterstunde ist nun vorbei.
Wer glaubt an solche Träumerei?
Schlaft alle in göttlicher Ruh,
so schläft es sich sicher und gut."

Nach Beendigung sieser Strope blies der Nachtwächter wieder in sein Horn, und noch einmal setzte der Chor ein mit der letzten Strophe:

"Abermals ein Jahr verflossen,
näher zu der Ewigkeit.
Wie ein Pfeil, der abgeschossen,
so verflieget meine Zeit.
Treuester Herr Zebaoth,
unveränderlicher Gott,
ach, was soll ich bringen,
deiner Langmut Dank zu singen?"

So begann das neue Jahr. Nach der letzten Runde fanden sich die Sänger bei den Gastwirten ein, von denen sie Die Heckershäuser Kirche in der Silvesternacht 1970/71mit Kreppeln und einerm leichten Grog bewirtet wurden. Mancher soll sich da seinen ersten Rausch angetrunken habe. Dann wurde es still im Dorf und nur der Nachtwächter allein wanderte durch die Gassen undStraßen.
Um ein Uhr sprach er Glückwunsch laut mit folgenden Worten aus:" Nun wollen wir wünschen den Hausvätern, den Hausmüttern, den Söhnen und den Töchtern, den Knechten und Mägden das liebe neue Jahr. Es ist nunmehr vergangen ganz das alte Jahr. Nun wünschen wir auch der Gemeinde, auch der Obrigkeit, den Geistlichen allezeit, die den Herren bedienen und den rechten Weg vollführen durch Gottes Lob und Ehre. Gottlob es ist nun wieder Morgen, die Ruh ist hin, der Schlaf ist aus, jetzt wachen alle Sorgen wieder auf, jetzt sehn wir wieder, wo wir sind! Wir sind jetzt wieder auf der Erde, wo jeder Tag sein Elend hat: denn allein Hilf´und Rat ist für unsre Missetat als (nur) ein treuer Tag. Amen."

Zwischen zwei und drei Uhr nachts rief der Nachtwächter folgenden Spruch in die Nacht: "Ihr lieben Christen, seid munter und wacht, der Tag vertreibt die finst´re Nacht. Wir wissen nicht, wann unser Herrgott kommt und unser in Gnade aufnimmt."

Am Neujahrstag ging dann der Nachtwächter von Haus zu Haus, um persönlich seinen Glückwunsch auszusprechen.
Er sagte dann:
"Ich wünsche der Familie ein glückliches neues Jahr, Friede, Gesundheit und Einigkeit und ein glückliches Leben und alles, was der Familie nützlich und gut ist."

Er bekam dann Geldgeschenke von mindestens 75 Pfennigen. Das war in früheren Zeiten viel Geld.

Redaktionelle Anmerkung:
1925 wurde der Versuch unternommen, das Neujahrssingen, das antiquiert schien, abzuschaffen.
Aus dem Protokoll der Gemeindevertretung vom 22. Dezember 1925: "Es wurde vom Singen in der Neujahrs- Nacht gesprochen. Herr Wegefeld sprach: "Wir wohnen vor den Toren der Großstadt, es wär nicht mehr am Platze. Da nichts dagegen gesprochen wurde, ist der Antrag angenommen."
Dieser halbherzige Beschluss blieb folgenlos. Bis Mitte der dreißiger Jahre hielt sich dieser Brauch.




Heckershäuser Geschichten

Um 1900 lernte Johannes Wengefeld, der spätere Heckershäuser Bürgermeister, in Kassel das Maurerhandwwerk. Die Bahnfahrt war ihm zu teuer und er lief jeden Tag nach Kassel. Als er genug Geld gespart hatte, kaufte er sich ein Fahrrad. Es war das erste Fahrrad im Dorf. Die Heckershäuser schimpften mächtig:"Dieser Saujunge fährt unsre Hühner, Enten und Gänse tot, die auf den Straßen des Dorfes herumlaufen!"
                                                                      
(Heinz Schönewald)


Früher gab es den Ortsdiener. Die Aufgabe des Ortsdieners war, alles Wichtige mit der Ortsschelle bekannt zu geben. Wenn die Ortsschelle erklang, traten die Einwohner aus ihren Häusern, um das Neueste zu erfahren.
Hierzu gab es auch ein paar lustige Anekdoten aus der Zeit vor der Währungsreform.
Zum Beispiel musste der...
                                                                     
(Annemarie Preuschoff)

Ende der Leseprobe


Verkaufsstellen:

Dienstleistungszentrum Heckershausen

Amt für Jugend, Kultur und Senioren, Altes Rathaus/ Weimar

Empfang Gemeindeverwaltung, Rathaus/ Weimar

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