Leseprobe aus dem Buch: Dorfleben in Weimar

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DÖRFLICHE DIALEKTE

„Mäh“ und „däh“

Früher wurde in keinem Dorf die gleiche Sprache gesprochen, überall gab es lokale Dialekte. Mit der wachsenden Verbreitung der Hochsprache durch die Medien nahm auch die Bedeutung der dörflichen Dialekte ab - ein Verlust für Heimatgefühl und regionFamilie Henkelale Identität.Anders als die schriftlich fixierte und so in ihrer Entwicklung dokumentierte Hochsprache gibt es den niederhessischen Dialekt eigentlich nicht. Er besteht aus einer großen Vielzahl aufs engste verwandter Dialekte, die sich einerseits um die Kasseler Mundart, den Dialekt des Oberzentrums, und andererseits um die Mundarten von Mittelzentren wie Wolfhagen oder Homberg gruppieren.

Früher hatte jedes Dorf seine eigene Dialektvariante, die permanenten Veränderungen unterworfen war. Hierbei erfuhr der Dialekt auf der einen Seite Auffrischungen aus der Gaunersprache und dem Jiddischen, während er auf der anderen Seite unter dem Druck des „Hochdeutschen“ stand, das ihn schließlich in unserem Jahrhundert mehr und mehr verdrängte. Schon die rapide Ausbreitung der Schriftlichkeit im 19. Jahrhundert ließ ihn zur Sprache der kleinen Leute werden, die als wenig vornehm galt.

Die Eigenständigkeit eines Dorfdialektes war abhängig vom Grad der Abgeschiedenheit eines Dorfes und der Höhe der Bevölkerungsfluktuation. Nach Fertigstellung der Eisenbahnlinie Kassel-Volkmarsen im Jahre 1897 war Weimar für die damalige Zeit verkehrsmäßig sehr gut an das Oberzentrum angebunden, in dem immer mehr Bewohner des Dorfes Arbeit fanden. Aus einem Bauerndorf mit Arbeitern wurde ein Arbeiterdorf mit Bauern. Dies blieb auch auf die lokale Dialektvariante nicht ohne Einfluß: Sie vermischte sich mit der Kasseler Mundart. Die Bevölkerungsumschichtungen nach dem ZwHans und Kanrad Köthereiten Weltkrieg, die ständige Ausbreitung der (hochdeutschen) Massenmedien sowie der offensive Einzug englischer Sprachelemente in das Hochdeutsche haben in Niederhessen nur wenig vom Dialekt übriggelassen. Hinzu kam, daß man sich mit steigendem Wohlstand seit dem Wiederaufbau zunehmend vornehmer fühlte und der Dialekt als unschicklich galt.
In den Schulen wurde den Kindern der Dialekt regelrecht ausgetrieben. Jede Form des sozialen Aufstieges war begleitet von einem mehr oder weniger starken Ablegen des Dialektes. Wer „mäh“ und „däh“ sprach, wurde abwertend als „Buhre“ oder „Kasseler Schlagge“ bezeichnet. Daß mit dem Verlust des Dialekts ein Stück Eigenständigkeit der Region verlorenging, war und ist nicht im öffentlichen Bewußtsein verankert. So hat der niederhessische Dialekt nur in Form mundartlicher Einfärbungen und Abschleifungen des Hochdeutschen überlebt. Ob diesem verkümmerten Wesen eine Zukunft beschieden ist, erscheint aus heutiger Sicht eher zweifelhaft.


Lehrziet

Von Henner Rausch

Enge März verendriesig bennech uhs dr Schole gekommen, un, wieme so seihd, feng dr Ernsd des Lewens ohn. Weilech in Schriewen un Rechen in dr Schole net dr Hingersde wor, wullech au so was wie Schriewer weren. S Arweidsamd schiggede mich un noch 3 oder 4 angere Jungen offs Büro vonem Baugeschäfd in dr Elfbuchenschdrose in Kassel. Mien Vohder wor medde. Im Büro mussdech uhs ner Fachziedunge n Ardiggel ohbschriewen med Wörderen, die ich im Läwen noch net gehord hadde un au ned wussde, wasse bedühdeden. Au velle Zohlen mussdech zesammenrechen un dann noch de Quadradmeder vonnem Huhse, was gebutzd weren sull.
Ich hadde alles richdig un krechte mienen Lehrverdrog, awer ich sull au in de Hajodd gehn. Jo, un dann bennech jeden Doch schonn ümme dreiverdelsesse meddem Zuche offen Haupdbohnhob gefohren un von do inde Elfbuchenschdrose gedibbeld. Manchemo ging dr Umbachlux medde, he lehrde au in dr Kande. Ich wor neddemoh 14 Johre auld un in mienen velle ze grossen Ohnzog sullech noch renwassen. In dr nuchen Agdendasche haddechs Brod vörren gansen Doch un inner Wienflasche Malskaffe med Zechenmelch.
Im Büro mussdech Führ ohnmachen, kehren, de Kallenner obriesen, de Schwämmerchen nassmachen, Schdaub budsen, Bliestifde spidz machen un au de Brewemargen verwalden. S Bürofräulein ging meddochs heim un ich sohs alleine do. Dr Scheff schlef meddoches. Wanns Delefon rabbelde, krechdech n mächdigen Schreggen un hadde Angesd, weilech s ehrsde gor nüsch verschdund. Noh un noh gings dann besser.
Vonnen Geflochenheiden dr „besseren Kreise“ haddech au keine Ohnungen. S duhrde ne Wiele, bissech begreffen hadde, dassme „bitte“ oder „wie“ un net „hä“ seihn mussde, wamme was ned verschdehn hadde. Oder dassme ned hingerem Scheff herpieft unnen ümmer off dr rechden Siehde gehn lehd. Un dassme biem Sobbeessen ned schlubberd un biem Kewwelen s Muhl zomachd. Awer ich lehrde au n Ungerschied zwüschen SOLL und HABEN un kunnte im zweiden Lehrjohre schon de Löhnung vörr de Stuggadöre un Budtzer uhsrechen. Ich krechde was medde öwers „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ un vom Scheff n Lexikon geschenged med ner Widmunge „für fleissiges Arbeiten bei der ersten grossen Abrechnung“ un vör gode Zeuchnisnoden 3 Mark Messegeld.
In düsser Ziehd bennechs ehsdemo im Lewen med „Sie“ ohngeredet worn. Ömme sesse owends komech dann meddem Arweiderzuche wedder no Wiemeren un wor froh. Sunnowends komenme 3 Stunnen fröher heim.- Erchendwanne mussdech mich au s este mo rasehren, un gock au mo bie Bindels offem Sohle, wann Musigge wor.


BAU DER WASSERLEITUNG

Ein Wasserhahn für jedes Haus

Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts kam das Wasser nicht aus der Leitung, sondern mußte Eimer für Eimer vom Brunnen geholt werden. Im Jahre 1909 beschloß die Gemeindeverwaltung, eine Wasserleitung zu bauen. Von nun an konnte man das - kalte - Wasser direkt im Haus zapfen. Helmut Schaub erläutert die Hintergründe für den Bau der Wasserleitung.

Bis zum Jahre 1909 hat die Gemeinde Weimar ihren gesamten Wasserbedarf aus eigenen Brunnen, Born genannt, gedeckt. An den Straßen gab es - für die kleinen Leute - einige Gemeindebrunnen, während viele Familien, besonders die Bauern, über einen eigenen Brunnen beim Haus verfügten. Eine Familie hatte sogar einen Brunnen in der Küche.

Das Wasser wurde in Eimern vom Brunnen geholt. An einer Kette war ein Eimer befestigt, der so in den Brunnen geworfen werden mußte, daß er sich mit Wasser füllte. Dann wurde er mit der Hand oder einer Winde nach oben gezogen und in einen anderen umgeschüttet, der nach Hause getragen wurde. In der Küche stand eine Wasserbank, auf die die Eimer mit dem frischen Wasser gestellt wurden.

Trotz der zahlreichen Zapfmöglichkeiten blieb die Wasserversorgung teilweise unbefriedigend. So versiegten in den trockenen Monaten regelmäßig die Brunnen, die im oberen Teil des Dorfes lagen. Die Anwohner mußten ihr Wasser dann in Eimern aus den tiefer gelegenen Brunnen holen. Auch diese Brunnen waren aus gesundheitlichen Gründen als Trinkwasserlieferanten für die Bevölkerung nicht mehr zumutbar, denn sie verschmutzten und führten nach starken Regenfällen trübes Wasser. Von Amts wegen waren daher auch schon einige Brunnen geschlossen worden.

Die Gemeinde Weimar mußte also handeln. Im März 1909 beschloß die Gemeindevertretung Weimar, eine gußeiserne Wasserleitung zur besseren Trink- und Brauchwasserversorgung der Bevölkerung zu bauen. Quellen waren in der eigenen Gemarkung vorhanden. Man ließ das Wasser in Marburg chemisch untersuchen, die Wasserqualität wurde als sehr gut befunden.

Mit Vorarbeiten für die Wasserleitung wurde bereits im Herbst 1908 und im Januar 1909 begonnen. Es waren drei Quellfassungen mit einem täglichen Wasserausstoß von 148 Kubikmeter vorgesehen. Bei einer Bevölkerungsanzahl von 1385 Seelen und einem täglichen ...


Ende der Leseprobe

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