Leseprobe aus dem Buch: Zeitzeugenberichte über die Kriegs- und Nachkriegszeit in Weimar

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Winter in den Nachkriegs Jahren, Kinderfreuden mit „Schurren" und Skifahren

Viele unserer älteren Mitbürger werden sich noch an die meist langen und schneereichen Wintermonate in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erinnern, in denen die weiße "Pracht" oft einen halben Meter hoch auf Dächern, Wegen und den Feldern rings um das Dorf lag. Dann mussten die Straßen und Wege des Ortes oft in mühsamer Handarbeit freigeschaufelt werden. Das geschah aber weniger für Kraftfahrzeuge, es gab ja kaum Autos, sondern für die Milchbauern, die ihre schweren Kannen auf Schlitten an den schneereichen Wintertagen zur Sammelstelle in der Dorfmitte bringen mussten. Von dort wurden sie mit dem einzig im Dorf verkehrenden Kraftfahrzeug, einem durch Holzvergaser angetriebenen Lastwagen, zur Molkerei nach Kassel befördert. So herrschte oft sogar "Schneenotstand", bei dem dann der gemeindeeigene, mit Pferden bespannte Schneepflug aus Holz zum Einsatz kam. In späteren Jahren wurde dieser auch von einem Schlepper gezogen. Bei besonders heftigen Schneeverwehungen wurden alle Männer des Dorfes zum Schneeschaufeln beordert. Einige Nachkriegswinter waren sehr streng. Jeweils vom November bis März war es fast durchgehend kalt und frostig. Geheizt wurden in der Regel nur die Küchen der Häuser, alle anderen Räume blieben kalt. Das damals sehr wertvolle Brennholz wurde so gespart. In den Küchen spielte sich das Leben der Familien ab. An den Fenstern "blühten" Eisblumen, verschlungene, märchenhafte Gebilde, an denen die Kinder ihre Freude hatten. Die Scheiben wurden angehaucht, bis durch den warmen Atem ein kleines "Guckloch" entstand, durch das man das Treiben draußen auf der Straße beobachten konnte. Eiskalt waren auch die Treppenhäuser, die Flure und die Schlafräume und natürlich auch das gesamte Bettzeug. Ein wenig Abhilfe schaffte hier eine mit heißem Wasser gerfüllte Wärmflasche oder auch ein einfacher Ziegelstein, der im Backofen des Küchenherdes heißgemacht wurde oder eine mit Sand gefüllte Steinhägerflasche, die ins Bett gelegt wurde, um es anzuwärmen.
Ein Problem war die Erledigung der allzu menschlichen Bedürfnisse. Zum Plumpsklo über den Hof musste man sich oft erst einen Weg bahnen, der frisch gefallene Schnee und die Kälte verwandelten diesen zur Eisbahn. Es war wirklich ein ungeliebter Ort in den Winterlagen, durch die Ritzen der Bretter hatten der Frost und Schneegestöber ungehinderten Einlass. (In den Sommertagen konnte man dort in Ruhe wenigstens die ausgelesenen alten Zeitungen lesen!). Ein "geflügeltes Wort" hieß damals: Lieber zehn Sommer als einen Winter!


Kinderfreuden

Wie konnten die Älteren über eine Jahreszeit schimpfen, die den Kindern so viel Freude bereitete? Plätze, Wege und Straßen des Dorfes, auf denen es nur wenig Verkehr gab, waren der tägliche Spielplatz der Kinder. Alle hatten ihre bestimmten Plätze, an denen sie sich nach der Schule trafen. Stundenlang spielte man dort ohne jegliche Aufsicht, die Größeren achteten auf die Kleinen. Die Rodelschlitten wurden herbeigeholt, dann ging es im Liegen oder im Sitzen jubelnd die Straße hinunter. Hatte man keinen eigenen Schlitten, so fuhr man eben zusammen mit den anderen, oder man hatte mindestens eine sog, Kutsche -das war ein ganz einfaches Gefährt aus ein paar Brettern- , mit der man aber genau so viel Vergnügen hatte! Oft waren zwei oder mehrere Schlitten zusammen gebunden - so konnte man besser lenken - dann ging es mit lautem Geschrei den Kirchgraben, die Steingalle, die "BölItrift", den "Öwwesten" Weg oder "die Host" hinunter. Mir klingt noch heute das langgezogene "Aloooong" (für Achtung) in den Ohren, mit dem man auf den in schneller Fahrt herannahenden Schlitten aufmerksam machen wollte. Ein bei der älteren Jugend sehr beliebter Spielplatz war der zugefrorene Bühl. Hier versuchte man, nach dem Vorbild der Großen, Eishockey zu spielen. Zwei Tore wurden mit Steinen oder Kleidungsstücken markiert, als Hockeystock diente Großvaters alter Gehstock oder ein Knüppel von den am Ufer stehenden Weiden, als Puck wurde ein kleiner Stein oder ein Tennisball genommen und das Spiel konnte beginnen. Wer das Glück hatte, ein paar Schlittschuhe zu besilzen, konnte natürlich auch Schlittschuh laufen. Nun darf man aber nicht die heutigen Schlittschuhe als Maßstab nehmen, denn die damaligen musslen mittels einer kleinen Kurbel der s.g. Schihttschuhwinde (Wim-mersch: Schlittschohwenge) an den Schuhen befestigt werden. Bei der Beschaffenheit des Schuhwerks passierte es dabei oft, dass sich die Sohle oder der Absatz vom Schuhoberteil lösten. Dann war Schluss mit dem Wintersport, denn wer hatte schon ein passendes, zweites paar Schuhe? Beliebt war bei den Jungen des Dorfes, sich mit Schlittschuhen an den Füßen, an den langsam das Dorf durchfahrenden Milchwagen zu hängen. Das war zwar streng verboten und auch nicht ungefährlich, machte aber trotzdem riesigen Spaß.
 

Ende der Leseprobe


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